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[Meta] Der gute Autor

Kann jeder Mensch Autor werden? Ja.
Kann jeder Mensch ein guter Autor werden? Nein.

Was aber braucht es, um gut schreiben zu können? Übung? Einen guten Lehrer? Das sagenumwobene, viel gepriesene und doch nicht erklärbare „Talent“?
Man hört immer wieder von Formeln wie: Schreiben ist 90% Handwerk und 10% Talent. Das klingt ermutigend, aber man ist deswegen auch nicht schlauer. Was heisst „Handwerk“, was heisst „Talent“?

Meine Überlegungen wurden teilweise von einer Diskussion aus diesem Thema der Schreibwerkstatt angeregt, aber vor allem auch durch Erfahrungen.

Alles hat immer einen Anfang

Beginnen wir beim Anfang, nämlich mit der Frage: „Kann jeder Mensch ein guter Autor werden?“
Was heisst in diesem Zusammenhang „guter Autor“? Ein guter Autor ist jemand, der in seinem Hobby, dem Schreiben, aufgeht, wie andere bspw. als leidenschaftliche Modelleisenbahnbauer, als Cellisten, als Comic-Zeichner, als Bildhauer etc.
Es gibt ein Element, das diese verschiedenen Hobbies verbindet, nämlich schlicht und einfach die Freude am Ausüben des Hobbys.
Bevor du dir also die Frage stellst, ob du das Zeug zu einem Autor hast, solltest du dich fragen, ob du überhaupt gerne schreibst. Tust du es nicht, oder nur ab und zu mal, dann solltest du dich fragen, ob du wirklich so viel Zeit und Energie aufwenden willst, wie man es in der Regel tut bei einem Hobby.
Tust du es wirklich gerne bzw. kannst du nicht anders, als es zu tun, dann tu es.

Also, ich halte fest: Um ein guter Autor zu werden, bedarf es zuallererst der Freude am Schreiben und an der Sprache. Hast du die nicht und bist nur auf den allfälligen Erfolg fixiert, dann ist es möglicherweise das falsche Hobby.

Was braucht es noch?

Fantasie, Intuition, Intelligenz, Erfahrung, ein einschneidendes Erlebnis… Von solchen Dingen wird sehr oft gesprochen. Ich halte diese Dinge für optional. Natürlich helfen sie, aber je nach Schreibstil sind sie nicht Voraussetzung.

  • Fantasie hilft, um Dinge zu erschaffen, bestehende Dinge auszuschmücken
  • Intuition hilft, um frei von allen äusseren Zwängen zu schreiben, auf seine innere Stimme zu hören
  • Intelligenz hilft, um eine komplexe Struktur, einen strengen Plot, eine gute Planung voranzutreiben; manchmal hilft sie auch, die verschiedenen losen Fäden nicht zu vergessen
  • Gemachte Erfahrungen helfen, um Informationen aus erster Hand, das heisst als „Zeuge“ verarbeiten zu können, statt sie sich nur vorzustellen
  • Ein einschneidendes Erlebnis hilft, um besonders schreckliche (z.B. der Tod eines lieben Menschen, oder noch schlimmere Dinge), oder besonders schöne Erlebnisse (z.B. eine Lebensrettung) glaubhaft darzustellen, weil man weiss, wovon man spricht

Es gibt sicher noch weitere Elemente, die einen Autor aussergewöhnlich machen, die ich jetzt vergessen habe, aber gleich all diese Dinge sind für einen guten Autor nicht Voraussetzung. Was viel wichtiger ist, und das verbindet wiederum alle dieser genannten Punkte, ist ein sehr stark ausgeprägtes Gespür.
Und damit meine ich nicht das Gespür für die Sprache. Das auch, aber viel wichtiger ist das Gespür für Menschen bzw. ihr Aussehen, ihr Verhalten, ihre möglichen Gedanken, ihre Ängste, Nöte, Freuden, Hoffnungen, oder das Gespür für politische, soziale/gesellschaftliche, ökonomische, Prozesse, Machenschaften, Dynamiken.
Gute Autoren sind aktive Beobachter. Sie sehen, hören, lauschen, fühlen, spüren, riechen, sie dokumentieren (schriftlich oder rein mental), analysieren und reflektieren, und sie verarbeiten all das in ihren Werken.
Vielleicht gibt es Autoren, die sich von allen anderen Menschen, von ihrer Umwelt isolieren und dennoch gut schreiben können. Möglich. Aber ich behaupte, dass selbst diese ein ausgeprägtes Gespür haben. Und wenn es nur ein Gespür für sich selbst, für den eigenen Körper ist.

Ich halte den zweiten Punkt fest: Um ein guter Autor zu werden, bedarf es des ausgeprägten Gespürs eines Beobachters, einer Fähigkeit, sich über Dinge Gedanken zu machen, die man erfährt, erlebt oder womit man wenigstens aus einem starken Gefühl heraus seine Erfahrungen/Erlebnisse niederschreibt.

Hat dir schon mal jemand gesagt: „Du musst mehr üben“?

Falls du ein Instrument gespielt hast, oder immer noch tust, dann erinnerst du dich sicher an die Regel, die auch der hinterste und letzte Musiklehrer immer und überall von sich gibt – vor allem bei den unverbesserlichen Möchtegern-Musikern wie mir. Nämlich: „Du musst mehr üben“.
Das Beispiel ist für mich das eingängigste, weil ich erst allmählich realisiert habe, wofür das gut ist.
Üben heisst: nachmachen und verinnerlichen. Nachmachen und verinnerlichen. Nachmachen und verinnerlichen.
Irgendwann überkommt es einen, und man beginnt selbst etwas zu komponieren bzw. zu schreiben. Bei der Musik geht es vielleicht etwas länger, weil – zumindest mir – die Notenschrift weniger verinnerlicht war, als die Buchstabenschrift. Aber egal.
Bis man soweit ist, gilt: üben, üben, üben!
Nun kannst du auf viele Arten das Schreiben üben. Das wichtigste Training ist sicher lesen.
Du musst viel lesen, denn wenn du nicht weisst, wie es andere machen, dann hast du das Gefühl du bist ein Mozart des Schriftstellertums, aber hast soeben das Rad neu erfunden. Das bringt dir und deiner zukünftigen Leserschaft einen feuchten Mückenschiss. Du musst wissen, was andere tun, um herauszufinden, wie du dich als einzigartiger Autor von allen anderen Autoren unterscheidest. Denn du möchtest ja nicht ein zweiter Stephen King, eine zweite J.K. Rowling, ein zweiter Tolkien sein, sondern DER (was weiss ich) Hans Meier, der in aller Munde ist.

Und du musst viel schreiben.
Am besten fängst du klein an. Schreib kurze Geschichten. Wenn du das Gefühl hast, du bist gut (ein Trugschluss, glaub mir ;) ), dann versuche deine Geschichten zu variieren, zu verändern. Ändere z.B. das Geschlecht des Protagonisten und schreib dann die Geschichte neu. Oder verändere das Genre und mach aus einer Liebesgeschichte eine Horrorgeschichte mit denselben Protagonisten und derselben Handlung, oder eine Komödie oder eine Persiflage/Satire.

Ich versuche nun den dritten Punkt festzuhalten: um ein guter Autor zu werden, musst du gerne Schreiben. Gerne schreiben heisst, dass du nicht nur dann schreibst, wenn es dir gut läuft, sondern auch (oder: gerade) dann, wenn es nicht so gut läuft. Du brauchst einen starken Willen und Disziplin.
Der unerschütterliche Wille, oder Drang, dich stetig zu verbessern und die Disziplin, dem inneren Schweinehund einen Arschtritt zu versetzen, wenn er dich wieder einmal davon überzeugen will, dass du auch TV schauen oder drei Stunden länger ausschlafen könntest

Kein Stress

Was mir immer wieder auffällt, und damit machen die Book on Demand-Verlage (kurz: BoD) und die unzähligen Schreibschulen ihr Geld, ist die Tatsache, dass sehr viele angehende (ich sag jetzt nicht „Möchtegern“-) Autoren hoffen, möglichst schnell und ohne viel Aufwand erfolgreich zu werden. Abgesehen davon, dass die dem armen Schreiberling nicht wirklich zu viel Erfolg verhelfen, schwingt da eine Vorstellung mit, die vollkommen ihr Ziel verfehlt. Man ist nicht gut ohne Aufwand, ohne Zeit und Energie, die man in einen Text investiert. Natürlich kann man Glückstreffer landen, aber das kann man beim Lotto auch. Und ich persönlich habe keine Lust, Lotto zu spielen, da sind mir die Wahrscheinlichkeiten zu gering.
Das Zauberwort ist: Geduld!
Sofern du ein Schreib-Neuling bist und noch nie etwas Grösseres veröffentlicht hast, dann hast du weder einen Zeit- noch einen Leistungsdruck. Es sei denn, du machst ihn dir selber. Aber niemand von aussen kann dir vorschreiben, wie schnell und wie gut du sein sollst und musst bei deinen Geschichten. Ein wenig Druck ist zwar nicht schlecht, aber zuviel blockiert nur deine Kreativität.

Geduld ist eine Tugend, hatte irgendwer irgendwann mal gesagt und das ist beim Schreiben nicht anders.
Deshalb lieber zweimal tief durchatmen, die bittere Pille schlucken … und weitermachen. Und dann wären wir wieder bei „Wille und Disziplin“.

Ich halte den vierten Punkt fest: Um ein guter Autor zu werden, bedarf es der Geduld. Stress, Hetze, Leistungsdruck sind in den meisten Fällen kontraproduktiv, vor allem wenn sie völlig unbegründet sind. Und nebenbei ist Geduld auch wertvoll während der Verlagssuche. Es wird oft der Fall sein, dass ein Manuskript nicht deswegen abgelehnt wird, weil es schlecht ist, sondern weil es einfach zur falschen Zeit, am falschen Ort bzw. von der falschen Person begutachtet wurde bzw. gerade eben nicht. Spätestens dann wirst du froh um diese Tugend sein.

Das Ende?

Und damit bin ich zum Ende gelangt.
Du brauchst Freude am Schreiben und an der Sprache, du brauchst ein ausgeprägtes Gespür, du brauchst einen starken Willen und ein gewisses Mass an Selbstdisziplin und schliesslich brauchst du Geduld, um nicht vom Widazieg-Syndrom betroffen zu sein und um nicht aufzugeben.

Wo ist nun das „Talent“ in diesen Ausführungen geblieben, könntest du jetzt fragen. Ich behaupte, Talent ist in diesen genannten Punkten enthalten. Talent ist nicht etwas Übernatürliches. Du wirst merken, wenn du Talent hast, wenn nicht, wirst du es auch merken. Aber du wirst es nicht merken, wenn du es nicht versuchst.
„Talent haben“ heisst nicht, dass man in einer Sache besonders gut ist, sondern dass man für etwas, das einem liegt, viel und oft Zeit verbringt, um sich immer und stetig zu verbessern.
Natürlich gab und gibt es supertalentierte Menschen, wie z.B. Mozart, der schon mit vier oder fünf Jahren ganze Konzerte komponiert hat, aber sich mit solchen zu vergleichen ist eh fahrlässiger Schwachfug.
Falls du ein solches Talent haben solltest, dann hättest du es längstens bemerkt. Aber das kann man meines Erachtens nicht Talent bezeichnen, das wäre eher eine „Gabe“.

Fazit:

So, ich breche es nochmals runter auf die wesentlichen Begriffe:

Freude an der Sprache, das Gespür eines Beobachters, Wille und Disziplin, Geduld.

Das ist es, was es meiner Meinung nach braucht, um ein guter Autor/eine gute Autorin zu werden.

Ich behaupte nicht, dass es nicht auch anders geht. Falls du dich mit meiner Ausführung nicht identifizieren kannst, dann ist auch gut. Denn letztlich läuft es sowieso immer aufs selbe hinaus:
Temet nosce, erkenne dich selbst, oder noch besser auf Englisch: know thyself und du wirst herausfinden, ob du dich als Autor eignest.

~ raVen Vega

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://ravenport.ch/2009/09/der-gute-autor/

4 Kommentare

  1. Marlies

    Die Freude am Schreiben hat mich nun dazu gebracht
    auch mal zu schauen wie es ein anderer macht
    etwas ungeduldig ich nun bin
    trotzdem ich immer noch etwas find
    wie hier auf dieser Seite
    wo man mich nun begleitet
    mit feinem Gespür
    ich mich dabei nicht verlier
    möcht noch mehr davon lesen
    auch wenn’s schon gestern gewesen
    ich nicht genug davon bekommen kann
    bis ich dann mal irgendwann
    angekommen bin am Ziel
    wo ich doch gearbeitet hab so viel
    mache ich nun daraus einen Sport
    und hinterlasse diese Antwort

  2. Vega

    Hallo Marlies,
    Herzlichen Dank für deine lyrischen Kommentare. Auf die beiden anderen werde ich dann bei Gelegenheit auch noch eingehen. Du erlaubst doch, dass ich in Prosa antworte, ja?
    Ich verstehe dich nur zu gut. Ein Schriftsteller, insbesondere ein angehender, hat damit zu kämpfen, dass er/sie sehr viel Zeit und Energie in seine Arbeit steckt, aber während dem Schaffensprozess nicht weiss, ob das verwendete Herzblut vom Verlag auch akzeptiert wird.

  3. Jadé Lynn

    Puh. Gib deinen Lesern eine Chance^^ Pack nicht so viel in einen Artikel, es geht ja um knappe, aber treffende Aussagen. Und nur ein Thema, du behandelst ja schon fast alle ;-)
    Etwas Wichtiges, das Hobbyautoren, die mal veröffentlicht werden wollen, oft vergessen ist beim Thema “Intuition” die Marktbeobachtung. Es gibt nicht umsonst so viele “Nachahmer”, denn schließlich ist (veröffentlichtes) Schreiben zuletzt nichts anderes, als ein Beruf, in dem man Geld verdienen will. Beispiele wie Rowling sind Einzelfälle. Die Chance, es ebenso zu schaffen liegt bei geschätzten 1:1000000000. Darum sollte gerade ein Anfänger nicht versuchen, das ultimative Neue zu erschaffen und eben leider auch nicht (nur) schreiben, was er will. Handwerk ist eben auch, veröffentlicht zu werden und das ist reines Verkaufen.
    Wo ich aber zustimme ist: Lesen! Ganz wichtig! Schreiben, enorm wichtig! Disziplin … da arbeite ich auch gerade dran.
    Dann machst du leider einen großen Sprung zum veröffentlichen hin. Man muss ja erstmal das Schreiben beherrschen ;-)
    Deine Überlegungen gefallen mir, aber habe ich nachfolgende verpasst?

  4. Vega

    Hi Jadé,
    Zu meiner Verteidigung möchte ich sagen: Ich hab den Artikel vor über drei Monaten geschrieben. In den drei Monaten habe ich schätzungsweise 50’000 Wörter geschrieben und mich und meine Art zu schreiben und übers Schreiben zu Denken verbessert (oder wenigstens verändert). Ich würde mir nicht mehr in allen Punkten zustimmen, wie sie jetzt noch immer in diesem Artikel zu finden sind.
    Ich sehe darin eine fixierte Aufnahme eines Moments meines Schreibhandwerks und der Überlegungen dazu. Wie du richtig erkannt hast, kann Schreiben zu einem Handwerk werden wie jedes andere. Das möchte ich nicht widerlegen oder abstreiten, da hast du völlig recht. Aber es gibt verschiedene Arten von Handwerkern. Auf die schnelle fallen mir zwei Typen ein, vielleicht gibt es noch mehr: 1. Der Handwerker, der seine Arbeit macht, Tag für Tag, sich mit jedem Arbeitsgang, mit jedem fertiggestellten Objekt stärker perfektioniert, jede Handbewegung immer präziser und genauer wird und 2. der Handwerker, der zwar eine ähnliche Vorgehensweise hat, aber laufend seine persönliche Note einbringt, von Zeit zu Zeit eine Handbewegung ganz anders macht, als aus der Routine heraus, und vielleicht sogar einen Neuanfang wagt.
    Ich möchte sagen: Es gibt Menschen, die vom Schreiben leben, und es gibt Menschen, die FÜR das Schreiben leben.
    Wenn beides zugleich geht, umso besser…
     
    Zu der anderen Sache, wegen Neues erschaffen… Ich erschaffe nichts Neues, dieser Illusion bin ich nicht zum Opfer gefallen. Spätestens dann als ich gemerkt habe, dass sich mein Roman unbewusst einem Roman angeglichen hat, den ich vor ein paar Jahren gelesen habe, da habe ich den Spruch „Ein Autor erschafft nichts Neues, er formt um“ endlich begriffen. Die Leitfrage ist nicht das „Was“, sondern das „Wie“. Wie etwas erzählt/geschrieben wird. Ich werde um’s Nachahmen nicht herumkommen.
     
    Deine Worte haben mich auf einige Elemente aufmerksam gemacht, die mir beim Überfliegen meines Artikels sofort ins Auge gestochen sind: Der Artikel ist durchwirkt von Hoffnung und Sehnsucht.
    Scheiss drauf, ob das damals Geschriebene den Tatsachen entspricht, was ich damals geschrieben habe, ist nichts anderes, als die Hoffnung, dass ich es schaffe und die Sehnsucht, dass ich es endlich schaffe, veröffentlicht zu werden, dass ich endlich meinen Roman fertig schreiben kann und ihn als Manuskript allen potenziellen Verlagen schicken kann.
    Und ein grosses Mass an Ungeduld schwingt auch mit, obwohl ich im Artikel das Gegenteil propagiere -.-
     
    Ich danke dir jedenfalls ganz herzlich für deinen Kommentar. Ein Kommentar, der mich zum Nachdenken anregt, ist mir viel lieber, als ein einfaches Lob. Natürlich ist Lob angenehmer und leichter verdaulich, aber kritische und vor allem kritisch begründete Kommentare helfen mir weiter.
    Dankeschön!
     
    ~ raVen Vega
     
    PS: was die Länge bzw. Überlänge meiner geschriebenen Dinge angeht, vor allem auch diesen Kommentar… Goethe hatte in einem Brief an Schiller mal geschrieben: Tut mir leid, dass der Brief jetzt so lang geworden ist, aber ich hatte nicht viel Zeit.
    Manchmal ergeht es mir ähnlich… Vor allem, wenn ich morgens wieder früh raus muss ;) Asche über mein Haupt. Aber ich werde es beherzigen.

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