In diesem Artikel möchte ich mich mit dem sehr häufig auftretenden Syndrom beschäftigen, mit dem – ohne Ausnahme – alle Autoren zu kämpfen haben.
Vor allem seit es Internet und Schreibforen gibt, an denen man anonym seine Geschichten von schreib- und lesesüchtigen Lesern (wie mich) durchgehen lassen kann. Natürlich mit dem Hintergedanken, ich muss es ja gar nicht mehr ein drittes oder viertes Mal durchlesen, das erledigen dann ja die Leser. Dann werden oft Geschichten veröffentlicht, die man nie und nimmer einem Freund/einer Freundin offenbaren würde, weil noch unausgefeilt und schlecht. Aber im Internet der indirekten Kommunikation und des Ausbleibens an non-verbaler Kommunikation ist es einfacher, negative Kritik von sich abprallen zu lassen.
Manchmal wäre man jedoch froh, wenn überhaupt jemand negative Kritik äussern würde, aber das ist ein anderes Thema (das ich auch einmal behandeln werde).
Kommen wir nun zu unserem Thema:
Das „Wenn ich die Augen zumache, ist es gut“-Syndrom (kurz: „Widazieg-Syndrom“) stammt aus dem natürlichen Bedürfnis eines Autors, seine Geschichten – manche nennen sie ihre „Kinder“ – zu veröffentlichen, das heisst, einem breiten Publikum bzw. der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Das ist gut und löblich, denn so viele Autoren schreiben unzählige Geschichten, sogar Romane und getrauen sich nicht, sie irgendjemandem zu zeigen. Die Sorgen mögen begründet sein, weil die Texte wirklich schlecht sind, aber andererseits lernt man nichts, wenn einem niemand sagt, was man falsch macht. Irgendwer sagte mal: Nur der Untätige macht keine Fehler, aber er lernt auch nichts.
Das andere Extrem sind die – wie ich sie nenne – „Streuer“: Sie schreiben gelegentlich Kurzgeschichten und Gedichte in Phasen, wo die Muse sie küsst, wo „es läuft“, dann legen sie die Geschichte weg, sobald es „nicht mehr läuft“ und veröffentlichen sie in einem Schreibforum, mit dem Gefühl den Nobelpreis dafür zu erhalten. Meist mit einem beiläufigen, entschuldigenden Kommentar à la „Ich weiss, dass die Geschichte noch nicht so gut ist, aber ich habe sie auch in einem Zug niedergeschrieben“; im Hinterkopf ist aber dennoch der Wunsch nach Lob und Anerkennung.
Die Streuer begehen aber einen grossen Fehler. Sie glauben, dass mit kurzen Geschichten, oder seichten Gedichten auf schnelle Weise Erfolg in Aussicht ist, ohne viel Aufwand zu haben. Es entstehen dadaistische Gehirnfürze, ohne dass der Autor nur einen blassen Schimmer von Dadaismus hat, oder es entstehen klischeebehaftete, geradlinige und meist grammatikalisch und rechtschreiberisch unausgereifte Gedankenergüsse, die niemand anders, als man selbst versteht. Und dennoch glauben die Streuer, dass gerade ihre absurden, und vor allem schlechten Texte gut sind.
Und wehe dem, der seinen Finger erhebt und die Tatsachen auf den Tisch bringt…
Ich spreche vom Widazieg-Syndrom in seiner schlimmsten Form.
Was die meisten Widazieg-Patienten nicht einsehen, ist, dass Schreiben nicht einfach ein Hobby ist, das man neben zehn anderen Hobbies unter einen Hut bringt. Schreiben kann zwar jeder (ich bin jetzt mal optimistisch), zugegeben, aber gut schreiben nur die wenigsten. Es ist dasselbe wie beim Sprechen, oder meinetwegen beim Rennen. Das kann auch jeder, aber die einen können es besser, die anderen weniger gut.
Irgendein Autor (es könnte Andreas Eschbach gewesen sein) schrieb einmal: Schriftsteller sein ist 10% Talent und 90% harte Arbeit. Meinetwegen auch 20%-80%. Tatsache ist: Die meisten Schriftsteller sind nicht gut, weil sie nur mit Buchstabensuppe ernährt worden sind, oder schon mit zwei Jahren Romane gelesen haben (gut, die gibt es vielleicht auch, aber das ist einer aus einer Million Autoren). Nein, sie sind gut, weil sie, statt bspw. ein Instrument zu erlernen, den Bleistift oder Kugelschreiber in die Hand genommen haben und geübt, geübt und geübt und immer wieder gelesen haben. Schriftsteller sein, heisst: Schreiben und Lesen; nicht nur, wenn es einem „gut läuft“, sondern gerade auch dann, wenn es nicht gut läuft. Ich spiele auf die wohl wichtigste Eigenschaft eines Autors an: die Disziplin bzw. Selbstdisziplin, der ich später ein eigenes Thema widmen möchte.
Schreiben ist eine Entdeckungsreise. Man lernt von den Grossen, versucht ihr Talent, ihre Güte an den Geschichten herauszufiltern, versucht es in sein eigenes Wirken umzuformen; kurzum: Schreiben ist eine Entdeckungsreise seines eigenen Selbst.
Ein Autor mit einem ausgeprägten Widazieg-Syndrom wird das nicht einsehen und weiterhin glauben, dass man mit Quantität irgendwann einen Glückstreffer landet, wie im Lotto. Aber das ist wie die Allegorie mit dem Raum voller Affen, die alle auf ihre Schreibmaschinen hämmern; irgendwann schreibt einer einen sinnvollen Satz, noch viel später zusammenpassende Sätze und noch viel, viel später sogar eine Geschichte. Es ist nur eine Frage der Quantität.
Deshalb mein Tipp für alle Leser, die sich nicht ganz (hoffentlich), aber doch ein wenig angesprochen fühlen:
Veröffentliche deinen Text nicht, bevor du ihn fünfmal durchgegangen bist, nachdem der Schlusspunkt gesetzt ist. Fünfmal mindestens. Besser wäre zehnmal oder noch mehr. Es ist auch immer hilfreich, den Text nach Füllwörtern zu durchkämmen. Da hilft das E-Lektorat ungemein.
OK, natürlich ist selbst das fünfmal durchgehen eine Utopie von mir. Auch ich halte mich nicht immer daran. Aber wie oft habe ich gedacht, „jetzt kann ich nichts mehr verbessern“, habe den Text veröffentlicht und bin dennoch auf jede Menge Fehler hingewiesen worden. Also immer wenn man denkt, jetzt kann ich nichts mehr verbessern, dann lässt man den Text für eine Weile sein – eine Stunde oder sogar einen Tag – und nimmt ihn dann wieder hervor. Das hilft.
Übrigens, es gibt IMMER etwas zu verbessern. Und solange es den Text qualitativ verbessert und nicht einfach verändert, sollte man daran arbeiten. Dann ist das Widazieg-Syndrom überwunden oder man ist auf gutem Weg.
~ raVen Vega
1 Kommentar
Marlies
9. Januar 2010 von 14:21 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Keine Ahnung
sie dient mir als Warnung
dass ich nicht mal weiß
so auf Geheiß
wie ich nun freigeschaltet werde
damit es noch besser erdet
mach mich nun schlau
auch wenn ich eine Frau
hab ich es dann kapiert
wird es auch nicht mehr kaschiert
auch eine kleine Geschicht
fängt an mit einem Gedicht
darf nur die Hoffnung nicht verliern
dass man es auch mal mit einem Lob wird zieren
irgendwann werd ich ihn schreiben den Roman
dann werde ich zeigen, dass ich das auch noch kann
üben, üben, üben
will ich in Zügen
lesend werd ich’s auch mal begreifen
wann es Zeit ist ihn aufzuschreiben
nur erzwingen kann ich es nicht
weil alles dagegen spricht
auch weiß ich nicht was RSS 2.0 feed nun ist
wüsst ich doch gern wo es zu finden ist