Einige Worte zu Beginn
Fight Club. Wer kennt ihn nicht, den Film von David Fincher, mit Edward Norton, Brad Pitt und Helena Bonham Carter in den Hauptrollen? Zumindest davon gehört, haben wohl die meisten. Aber nur die wenigstens wussten oder wissen, dass der Film auf einer Romanvorlage beruht. Ich wusste es ebenfalls lange nicht.
Chuck Palahniuk ist der Autor und sein Schreibstil ist unglaublich. Er kriegt es hin, über Belanglosigkeiten zu schreiben, und sie anregend aufzubauschen – oft mit giftigem, bissigem Sarkasmus angereichert –, dass ich das Buch nicht weglegen konnte. Und das Tempo, das er mit seinen meist kurzen Sätzen vorgibt, ist beeindruckend.
Ich fand im Nachhinein etwas schade, dass ich den Twist am Ende schon kannte durch den Film. Ich hätte mir das Buch lieber unvoreingenommen zu Gemüte geführt. Aber da es nicht möglich war, habe ich eben das Beste daraus gemacht und wurde auch so nicht im Geringsten enttäuscht.
Zum Inhalt
Der Ich-Erzähler sitzt auf einem Stuhl auf einem Hochhaus und sein ehemals bester Freund Tyler Durden stösst ihm einen Pistolenlauf zwischen die Kiefer.
Der Ich-Erzähler besinnt sich, wie es dazu gekommen ist.
Man erfährt, dass er unter akutem Schlafmangel litt, manchmal mehrere Tage ohne Schlaf auskommen musste, weil er einfach nicht einschlafen konnte, ihn die Müdigkeit nicht übermannte. Sein Arzt sagte ihm, er solle eine Selbsthilfegruppe von Menschen mit Gehirnparasiten besuchen, wenn er Menschen kennenlernen möchte, denen es wirklich schlecht gehe.
Der Ich-Erzähler tat es und erstaunlicherweise tat es ihm die Atmosphäre dort so gut, dass seine Schlaflosigkeit verschwand. Seit da besuchte er regelmässig verschiedenste Selbsthilfegruppen, als Balsam gegen sein wiederkehrendes Leiden. Ganz besonders hatte es ihm die Gruppe „Wir bleiben Männer“ angetan, von Männern mit Hodenkrebs.
Eines Abends traf er auf Marla Singer, die genüsslich Zigaretten rauchte, und sich nicht darum scherte, dass sie als Frau in einer Hodenkrebsgruppe auftauchte. Dem Ich-Erzähler war klar, sie war eine Schwindlerin und nahm ihm die ganze Freude an den Selbsthilfegruppen. Seine Schlaflosigkeit kehrte zurück, trotz den Meetings. Er musste sie loswerden, oder wenigstens einen Deal mit ihr aushandeln.
Um diese Zeit herum kommt der Ich-Erzähler eines Abends von einer Geschäftsreise nach Hause und findet heraus, dass sein Appartement, die IKEA-Möbel, all sein Besitz verdampft, verraucht sind und teilweise auf dem Grund des Wohnblocks verteilt wurden.
Eine Gasexplosion, Brandstiftung wird nicht ausgeschlossen.
Er braucht einen Neuanfang und orientiert sich um. Er trifft auf Tyler Durden, einen gut aussehenden, vitalen und ehrgeizigen Typen, mit einem unbändigen Hass gegen die elitäre Oberschicht, der dem Ich-Erzähler allerhand erzählt und beibringt. Er wirft mit Lebensweisheiten um sich, zeigt, wie man Seife aus dem abgesaugten Fett reicher Tussen herstellt oder Napalm, pinkelt als Kellner in einem Nobelschuppen in Suppen und furzt auf Soufflés.
Nicht zuletzt betrauert Tyler Durden die Männer, die als Kinder von Frauen aufwachsen und verweichlicht sind. Er beginnt sich mit dem Ich-Erzähler zu schlagen, bis beide blutend am Boden liegen und freudig über ihre Erfahrung nachsinnen.
Das war ihr erster Fight Club und der zweite folgte wenig später. Rasant wächst die Anzahl der Mitglieder, obwohl die ersten beiden Regeln des Fight Clubs verbieten, darüber zu sprechen.
Nach und nach avanciert der Ich-Erzähler zu einem geschlagenen, geschundenen Zeitgenossen, der seine Erfüllung in den Samstagnächtlichen Kämpfen gefunden hat. Er scheint seine Mitte gefunden zu haben, wirkt abgeklärt und lässt sich von niemandem mehr unterkriegen.
Doch obwohl die Fight Clubs, die mittlerweile im ganzen Land auftauchen und sogar ohne Tylers Mithilfe, oder die des Ich-Erzählers, abgehalten werden, immer zahlreicher werden, reichen sie Tyler nicht mehr. Er beginnt etwas Neues zu planen, das er Projekt Chaos nennt. Niemand – ausser Tyler selbst – kennt die Ausmasse des Projekts. Jedes Mitglied (allesamt Mitglieder von Fight Clubs) weiss nicht, was die Aufgabe des anderen ist, in welchen Aktionen die anderen beteiligt sind, oder ob überhaupt Projekt Chaos hinter dem Unfug steckt, über den in den Zeitungen berichtet wird.
Für den Ich-Erzähler beginnt das Projekt Chaos allmählich aus dem Ruder zu laufen. Es entzieht sich seiner Kontrolle, während Tyler Durden alle Fäden in den Fingern hält.
Im Vergleich zum Film
Es ist schon eine Weile her seit ich den Film zuletzt gesehen habe, aber soweit ich weiss hält er sehr stark an die Vorlage. Es gibt einige wenige, meist belanglose Unterschiede zwischen Buch und Film, was den Inhalt angeht, aber im grossen und ganzen hat sich David Fincher (der Regisseur) an die Roman-Vorlage gehalten.
Sehr ähnlich ist auch die nicht-lineare Erzählweise der Geschichte. Es beginnt mit dem Ende und es folgt ein ausgedehnter Flashback, der seinerseits immer wieder von Flashbacks oder Vorausdeutungen durchwirkt ist.
Die Verwirrung, die sowohl im Film als auch im Buch in mir vorherrschte, wird in beiden Medientypen exzellent induziert, ich kann mich nicht entscheiden, welcher Typ mir besser gefällt, Buch oder Film. Im Buch wirkt die Gedankenwelt des Ich-Erzählers viel plastischer, seine bizarre, zynische und teils absurde Art zu Denken wird viel stärker dargestellt, dafür sieht man im Film die Absurdität visualisiert und in seiner zynischen Gänze materialisiert, und abgesehen davon spielen die drei Protagonisten (Pitt, Norton und Bonham Carter) ausgezeichnet.
Ein Fazit
Jemandem, der das Buch nicht gelesen oder den Film nicht gesehen hat, kann ich wärmstens empfehlen, das entsprechende nachzuholen. Der Film ist kein Abklatsch des Buches und das Buch enthält einige Details, die man im Film übersieht oder die ausgeklammert werden.
Allen anderen kann ich vor allem das Buch ans Herz legen, denn der flüssige und temporeiche Schreibstil Palahniuks ist einzigartig, gewagt und eine wahre Augenweide. Wie ich oben schon erwähnt habe, schafft er es, Belanglosigkeiten wichtig zu machen und macht Absurdes, Bizarres und Obzönes zum Alltag.
Der Inhalt der Lektüre, und vor allem auch die Protagonisten, sind unangenehme, vom Leben und Schicksal geschlagene Zeitgenossen; Leute, die man im eigenen Alltag eher zu vermeiden sucht, aber dieses Buch stellt die Möglichkeit dar, ihre Gefühlswelt besser zu verstehen, wie sie in ihrer Machtlosigkeit und Ohnmacht ihr Potenzial, ihre Energie auf etwas verwenden, um auf ihre Stellung in der Gesellschaft aufmerksam zu machen.
Ein Funken Anarchismus entzündet sich und setzt die dekadente Willkür der herrschenden Elite in Flammen.
~ Dani Vega
Fight Club.
Von Chuck Palahniuk
Deutsch von Fred Kinzel. Vorwort übersetzt von Werner Schmitz.
5. Auflage, erschienen beim Wilhelm Goldmann Verlag, 2004. 254 Seiten.
ISBN: 978-3-442-54210-9

4 Kommentare
Taklara
19. Januar 2010 von 11:31 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Mir war auch gar nicht klar, dass der Film auf einem Buch beruht.
Aber hört sich gut an, kommt auf jeden Fall auf meine Wunschliste.
Vega
21. Januar 2010 von 08:07 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hi Taklara,
Freut mich, dass dich meine Rezi überzeugen konnte
~ Vega
Marc
23. Januar 2010 von 18:21 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Ich habe den Eindruck, dass deine Rezis grundsätzlich gut sind, weil sie ehrlich sind und frei von “feuilletonisch aufgeblähtem blabla”. Vor allem die Fazits (Fazite, Faziti, …) finde ich gelungen. Sie spiegeln nicht immer meine Meinung wider, aber ich weiss wenigstens wie ich sie einordnen muss. Weiter so.
Vega
23. Januar 2010 von 19:14 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hi Marc,
Danke für den Kommentar und die positive Rückmeldung.
Ich hege nicht den Anspruch objektiv zu sein. Meine Lektüre regt Gedankenwelt und Gefühle an, also wird auch das Fazit subjektiv ausfallen. Objektiv sein – und vor allem schreiben – kann ich an der Uni zur Genüge
~ Vega