Einige Worte zu Beginn
Haruki Murakami ist zwar ein Japaner, aber wie durch „Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt“ (ich kürze die Parallelwelten mit „HBW“ bzw. „EW“ ab) klar wird, ist er den (aus asiatischer Sicht) westlichen Einflüssen, insbesondere der Literatur, Musik, der Filme nicht abgeneigt. Das Ich der HBW liest Turgenjew, Balzac und viele andere, er hört Bob Dylan, Bing Crosby, aber auch klassische Komponisten und schaut Filme mit Charles Bronson, erinnert sich an Klassiker wie Casablanca etc. Die Liste ist lang, zu lang, als dass ich sie wiedergeben könnte, da ich die viele – abgesehen vom Namen – gar nicht kenne und folglich nicht merken konnte. Ich weiss nur, dass es fast ausschliesslich europäische oder russische Künstler sind. An erwähnte Namen von japanischen oder anderen asiatischen Künstlern kann ich mich nicht erinnern.
Ein Vorgeschmack auf den Inhalt
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert, die sich in Kapiteln abwechseln und aus der Sicht zweier Ichs erzählt werden, die sich ähneln.
Die eine Welt ist offenbar die unsere in Tokyo, leicht in die Zukunft versetzt, wo ein unablässiger Datenkrieg zwischen dem totalitären „System“ und der revoltierenden „Fabrik“, deren Mitarbeiter „Semioten“ genannt werden, geführt wird. Das Ich ist ein „Kalkulator“ und Angehöriger des Systems. Er ist ein äusserlich durchschnittlicher Mensch, der unter Zuhilfenahme seines Unterbewusstseins Berechnungen durchführen kann, die ein normaler Mensch nie und nimmer könnte. Er erhält einen Auftrag, wie er tausende erhält, merkt aber bald, dass sein exzentrischer Auftraggeber etwas unkonventionelle Wissenschaft betreibt. Er gehört nicht einmal dem System an und auch nicht der Fabrik, was aber das Ich nicht daran hindert, seine Auftrag gewissenhaft zu erfüllen. Auftrag ist Auftrag.
In der anderen Welt, die „das Ende der Welt“ genannt wird geht alles ruhig zu und her. Das Ich kommt ans Tor der Mauer, die die ganze Stadt und ihr Umfeld von der Aussenwelt abschirmt. Das Ich muss dem Wächter seinen Schatten abgeben, denn mit Schatten, darf er nicht rein. Schattenlos betritt er so die Stadt und wird nach einer Weile zur Bibliothek geführt, wo er „alte Träume“ aus den Schädelknochen von Einhörnern lesen soll, wie es ein „Traumleser“ wie er in der Regel tun. Wieso er das tun sollte, kann ihm niemand sagen und ebenso wenig vermag ihm jemand zu erklären, was diese „alten Träume“ überhaupt sind. Er nimmt es hin und tut, was ihm aufgetragen wird. Schliesslich hat er nichts Besseres zu tun.
Das Ich der HBW erscheint schal und gleichgültig, teilweise unterwürfig. Das bleibt er bis zum Schluss, doch allmählich beginnt man zu verstehen, dass gerade diese Lebensweise ihn zu dem Menschen macht, der er ist. Es wird viel über Alltägliches gesprochen. Das heisst, eigentlich werden alle möglichen Themen alltäglich gemacht. Tabuthemen gibt es keine. Oft wird übers Wetter gesprochen, im nächsten Satz über Sex, dann über Essen. Es scheint an Leidenschaft zu mangeln, wie an Wasser; das Ich hat sich mit der drückenden Last des Lebens abgefunden.
Dem Ich vom EW geht es nicht viel anders. Aber anders als sein Pendant ist er nicht ganz so fatalistisch eingestellt. Ihn bedrückt, wie er allmählich seine Erinnerung verliert, wie die Welt ihn langsam einverleibt. Es ist, wie wenn seine Seele Schritt für Schritt zugrunde geht. Ebenso geht es seinem Schatten, der von seinem Urheber losgerissen immer mehr an Substanz verliert und zu kränkeln beginnt. Doch der Lebenswille ist noch da und nach einer Weile schafft der Schatten das Ich zu überzeugen, für ihn zu arbeiten. Gemeinsam könnten sie aus der Stadt fliehen, aber dazu bedarf es der Vorbereitung, der Torwächter hat seine Augen überall.
Das Ich ist hin und hergeworfen. Er möchte seinem Schatten zwar helfen, aber er stellt sich die Frage, ob er seine Seele überhaupt brauche. Denn irgendwie könnte er auch ganz gut ohne zurechtkommen. Die anderen Bewohner der Stadt sind das beste Beispiel dafür.
Mein Eindruck
Zu Beginn hatte ich mit den beiden Erzählsträngen zu kämpfen. Denn aus dem Titel, den Klappentexten, dem Inhaltsverzeichnis etc. ist anzunehmen, dass die beiden Stränge zusammengehören oder wenigstens irgendwo einen Schnittpunkt haben müssen. Es dauert ein paar Kapitel bis der erste Hinweis, der erste Knotenpunkt hergestellt ist, dann geht es rasant vorwärts (zumindest erschien es mir so
).
So gesehen, war der Zugang zum Buch nicht ganz einfach.
Und vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass im ganzen Buch kein einziger Figurenname vorkommt. Die Namen von realen Entsprechungen wie Balzac, Bob Dylan, oder Orten in Tokyo davon ausgenommen. Aber beispielsweise erfährt man nie den Namen der beiden Ichs, geschweige denn der Menschen, welche die beiden umgeben. In der HBW gibt es den Professor, das dicke Mädchen, den Knirps, den Riesen, im EW gibt es den Wächter, den Schatten, den alten Oberst, die Bibliothekarin und so weiter. Irgendwie verwirrend, aber dennoch weiss man immer, um wen es geht.
Mir gefiel die fatalistische, teils sehr zynische Art des Ichs der HBW immer mehr. Zu Beginn hatte ich etwas Mühe damit, aber je weiter fortgeschritten ich war, desto mehr begann ich mich mit ihm zu identifizieren. Irgendwie ist er ein armer Kerl, den man einfach nicht anders als lieb gewinnen kann.
Mit dem Ich des EW war die Identifikation dagegen etwas schwieriger. Irgendwie störte mich, dass er sich in einer fantastischen Scheinwelt befindet, aber all die übernatürlichen Dinge (Einhörner, das Traumlesen, der abgetrennte und lebendige Schatten), die Regeln und Gesetze, die herrschen, überhaupt nicht hinterfragt, oder im besten Fall das Nachdenken sehr schnell sein lässt. Er tut einfach, was er tun muss und was man ihm sagt und hat Gottvertrauen (oder woran er immer glauben mag).
Und doch hatte ich Mitleid mit ihm. Insbesondere als ich dann die Verbindung der beiden Welten erfasst hatte und alles in ein anderes Licht gerückt wurde. Auf einmal machte es Sinn.
Interessant fand ich, dass ich ab den letzten hundert Seiten genau wusste, zu welchem Zeitpunkt das Buch enden wird. Doch die Spannung blieb erhalten, weil es bis zu den letzten Seiten nicht klar war, WIE es ausgehen wird.
Ein Fazit
Ich brauchte eine Weile, um mich von der völlig ungewohnten Dynamik des Buches mitziehen zu lassen. Aber sobald mir das gelungen ist, ging es schnell und im Nu hatte ich die gut fünfhundert Seiten hinter mich gebracht.
Ich habe den Roman sehr gerne gelesen. Es wird nicht mein letzter Murakami sein.
Nun eine Empfehlung: Es ist gar nicht einfach, das Buch jemanden ans Herz zu legen, da der Zugang für jeden Menschen ein anderer sein wird. Klar, das ist bei allen Büchern der Fall, aber hier empfand ich es als besonders deutlich. Vielleicht jemand, der sich mit der Philosophie, mit der Gedankenwelt eines asiatischen, auf die westliche Welt gerichteten Denkers auseinandersetzen will. Oder einfach nur jemand, der sich gut in einen fatalistischen, zynischen Denker hineinversetzen kann oder gerne hineinversetzen möchte.
Ein Blick zwischen die Buchdeckel lohnt sich auf alle Fälle!
~ Dani Vega
Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt.
Von Haruki Murakami.
Aus dem Japanischen von Annelie Ortmanns.
3. Auflage, erschienen beim btb Verlag, 2007. 507 Seiten.
ISBN: 978-3-442-73627-0

4 Kommentare
Jo
20. Januar 2010 von 19:44 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Wenn man das so liest, klingt es ganz stark danach, dass Murakami definitiv einen starken Hang zu Parallelwelten hat oder anderen Dimensionen. Habe “Tanz mit dem Schafsmann” von ihm gelesen und es geht um Ähnliches, im Bezug auf zwei Storys bzw. zwei Dimensionen. Wie gesagt, es ist nicht der Inhalt gemeint. Man merkt den Erzählungen auch an, dass sie weder aus der Feder eines europäischen oder amerikanischen Autors stammen. Hatte auch meine Schwierigkeiten mit den ersten Seiten. Das macht die Bücher allerdings interessant.
Vega
20. Januar 2010 von 20:18 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hi Jo,
Ja, denke ich auch.
Während wir Europäer tendenziell eher bodenständig und rational/praktisch veranlagt sind, ist es für Japaner anders:
Ich sehe es an Mangas und Animes, dass Japaner ein ganz anderes Verständnis von Wirklichkeit haben. Wirklichkeit ist eh nur eine Konstruktion unserer Sinne und wie unser Gehirn die Daten umsetzt. Bei Murakamis und – eben – zahlreichen Animes und Mangas wird teilweise keine Grenze gemacht.
Auch was Götter, Geister, Aberglaube angeht, denken wir ganz anders. Ich finde das irgendwie schade… Aber wenigstens gibt es Bücher, die mir andere Perspektiven eröffnen
~ Vega
Mikage
4. Juni 2011 von 20:40 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
In Murakami Büchern wird man immer wieder gleiche Elemente finden. Parallelwelten, Brunnen, Katzen, Jazz..
Bin ein großer Murakami Fan und Hard-Boiled Wonderland ist eins meiner Liebsten^^
Lg^^
Vega
4. Juni 2011 von 23:49 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hi Mikage,
Danke für deinen Kommentar
Das stimmt. Scheinen seine Steckenpferde zu sein.
Und da ist noch was: irgendwie schwer zu beschreiben, aber etwas in Richtung omnipräsente Ratlosigkeit der Protagonisten bzw. die emotionslose Akzeptanz von Ereignissen ob sie nun realistisch oder surreal sind.
Ich sollte mir wieder mal einen Murakami vornehmen