Oh süsses Nichtstun. Hildegunst von Mythenmetz, der berühmteste und erfolgreichste noch lebende Dichter Zamoniens sonnt sich in den Lorbeeren seines Erfolgs. In der Lindwurmfeste erholt er sich vom Trubel um seine Person, wo er sich ungestört dem Müssiggang hingeben kann.
Nichtsahnend trinkt er eines Morgens Kaffee, genehmigt sich ein gebackenes Hörnchen und greift in den Postsack mit frischer Fanpost, um sich mit dem Lob eines schmachtenden Fans den Tag zu versüssen. Doch schon nach dem ersten Satz bleibt ihm das Hörnchen im Hals stecken.
Mythenmetz, nur knapp dem Anschlag des brutalen Todeshörnchens entronnen, wird aus seiner ruhmbedingten Lethargie wortwörtlich zurück ins Leben geholt. Zweihundert Jahre ist es her, seit er mit dem Schattenkönig aus den Buchhaimer Katakomben gestiegen war und nach der Beseitigung Phistomefel Smeiks die ganze Stadt in Flammen sah. Nun soll der Schattenkönig am Ort des Geschehens zurückgekehrt sein? Unmöglich!
Doch ob Möglichkeit hin oder her, die Erinnerungen an den Schattenkönig stimmen Mythenmetz unruhig. Erinnerungen kommen hoch. Gute und schlechte. Sehnsüchte und Ängste. Und mit ihnen ein Gefühl der Rastlosigkeit. Zu lange hat er auf der Lindwurmfeste in den Tag hineingelebt und nichts als literarischen Unsinn produziert. Nun ist es allerhöchste Zeit, dem Quell der Inspiration seiner Jugendzeit einen zweiten Besuch abzustatten, und sich möglicherweise neu zu erfinden.
Bis hierhin klingt alles noch vielversprechend, aber meine Euphorie und gespannte Erwartung wich einer einzigen grossen Enttäuschung.
Ja, ihr habt es schon richtig verstanden. Das Labyrinth der träumenden Bücher ist eine einzige Enttäuschung. Nach dem grandiosen ersten Teil hatte ich einen ebenso faszinierenden und spannenden Roman erwartet, stattdessen bekomme ich einen akademischen Reisebericht über das neue Buchhaim, zweihundert Jahre nach Teil eins. Wie sich dort das Leben verändert hat und das Puppentheater (!) zur neuen Hauptattraktion geworden ist. Ich erwartete doch nicht zuviel, wenn ich glaubte, ein Buch mit dem Titel Labyrinth der träumenden Bücher spiele vorwiegend in den Buchhaimer Katakomben …
Aber weit gefehlt. Als Titel wäre Stadt der träumenden Puppen weitaus passender gewesen. Davon handelt der Roman zur Hälfte. Die erste Hälfte war die Reise nach Buchhaim, und das neue Buchhaim – den Puppetismus vorerst ausgeklammert. Ich ertappte mich ständig, wie ich auf die verbleibenden Seiten schaute und mich fragte, wann Mythenmetz denn endlich wieder ins Labyrinth runtersteigt. Vergebens. Erst in den allerletzten Seiten ist es dann so weit. Leider viel zu spät. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet, ich fühle mich betrogen.
Ist der Titel ein grober Schnitzer des Verlagsmarketings oder einer von Moers selbst? Ich weiss es nicht. Moers‘ Nachwort offenbart zwar, dass das Labyrinth der träumenden Bücher nur Teil zwei von drei (oder noch mehr) sein wird, aber auch das erst ganz am Ende und damit viel zu spät.
Mythenmetz. Vielleicht ist auch er der Grund, weshalb mich der Roman so enttäuschte. Er ist nicht mehr der junge, frische und ehrgeizige Schreiberling, der sich profilieren muss. Er ist alt geworden, seine literarischen Ergüsse sind zu Massenware verkommen, er fläzt sich auf seinen Lorbeeren, selbstbeweihräuchert sich und seine vergangenen Glanzzeiten, ist arrogant und ein noch ängstlicherer Hypochonder als in der Jugendzeit. Alles gut und recht soweit. Die Charakterentwicklung ist nachvollziehbar, doch mir fehlte der „stürmer-und-drängerische“ Elan des jungen Mythenmetz. So ist der Roman zu intellektuell, zu reflektiert, zu sachlich und folglich leider auch überhaupt nicht spannend. Falls der Schreibstil volle Absicht war (Moers „übersetzt“ schliesslich nur aus dem Zamonischen), dann Hut ab, besser könnten der neue Mythenmetz und sein Schreibstil nicht übereinstimmen. Aber das entschuldigt nicht die langatmigen und viel zu blumigen Kapitel. Dabei hatte es doch so gut begonnen: Zuerst der geheimnisvolle Brief, der Mythenmetz aufrüttelt, dann die Reise nach Buchhaim mit allen guten und bösen Vorahnungen und in Buchhaim angekommen Hachmed ben Kibitzers Testament. Dann geht es nur noch abwärts – leider nur im übertragenen Sinne, wortwörtlich wäre ja gut gewesen.
Gut sind wie schon beim ersten Mal Moers‘ Sprache, die Illustrationen und sein neidisch machender Ideenreichtum. Doch dieses Mal überwiegen die negativen Faktoren.
Fazit: Walter Moers hat mit dem Labyrinth der träumenden Bücher einen – wie wir Schweizer sagen – riesigen Bock geschossen. Einfach nur enttäuschend. Dass das Buch kein abschliessendes Buch der Reihe ist, hilft im Nachhinein zwar ein wenig über die enttäuschende Lektüre hinweg, aber diese beiden Sätze im Nachwort …
Die wirkliche Geschichte fängt hier in der Tat erst an. Alles Bisherige war nur Ouvertüre.
Walter Moers. Nachwort
… sind ein Schlag ins Gesicht des Lesers. Genau das ist doch das Problem. Und eine schlechte Ausrede von Moers in meinen Augen. Wieso liest man eine vierhundertseitige, langweilige Abhandlung, um erst im Nachwort zu erfahren, dass es nur die Ouvertüre ist, sie also eigentlich auch weggelassen werden könnte? Das finde ich gar nicht nett.
Etwas weniger Puppetismustheorie und etwas mehr Handlung hätten dem Buch gut getan. So für sich betrachtet, ist das Ganze einfach zu viel. Zuerst wollte ich Walter Moers in Zukunft abschwören, aber weil ich ein Mensch bin, der unmöglich Geschichten unvollendet lassen kann, seh ich mich gezwungen, Moers eine zweite Chance zu geben.
Dennoch … ein Erfolg wird Labyrinth der träumenden Bücher nicht werden. Ich hoffe auf einen viel viel besseren dritten Teil. Das nächste Mal werde ich mir aber das Nachwort gleich zu Beginn ansehen.
Sprachlich und illustrativ – wie gesagt – kann der zweite dem ersten Teil das Wasser reichen, aber der wissenschaftliche Reisebericht als Form der Erzählung ist ein stilistischer Fehlgriff. Mythenmetz als Figur und Erzähler ist dieses Mal unerträglich in seiner Arroganz und Hypochondrie, was grundsätzlich sehr gut gemacht ist und anderswo gut funktionieren würde, aber im Hinblick der schwachen Handlung zu einem Negativpunkt wird. Die Handlung ist bis auf den Anfang und den Schluss nicht existent.
Es betrübt mich, eine so niedrige Bewertung vergeben zu müssen, aber bei allem Respekt gegenüber Herrn Moers und seinem Schaffen, machen Sie es im nächsten Teil bitte besser.
Sprache / Stil: 4/10
Figuren: 4/10
Handlung: 1/10
Schlusswertung: 3/10 Punkte
~ Dani Vega
Das Labyrinth der träumenden Bücher.
Ein Roman aus Zamonien von Hildegunst von Mythenmetz.
Aus dem Zamonischen übertragen und illustriert von Walter Moers
Beim Knaus Verlag, 2011. 430 Seiten
ISBN: 978-3-8135-0393-7

4 Kommentare
Christina
31. Oktober 2011 von 13:09 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Bitterlich enttäuscht kann ich dieser Rezesion nur zustimmen.
Nie hätte ich erwartet, dass es so schlimm werden könnte und in jedem Punkt kann ich nur beipflichten: “Ja so schlimm ist es wirklich.” Und dabei dachte ich nach der Stadt der träumenden Bücher und Rumo, kann man Moers so gut wie alles verzeihen, aber wie schon geschrieben: Die “Ouvertüre” war wirklich ein Schlag in’s Gesicht. =(
Einziger Zusatz meinerseits: Die über 80-seitige Vorstellung des Puppaecircus Maximus über “Die Stadt der träumenden Bücher”. Also Band 1 verkürzt und in Band 2 implementiert. Warum? Um mehr Seiten zu erreichen oder einfach nur den Leser zu quälen?
Vega
31. Oktober 2011 von 14:11 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hi Christina,
Danke für dein Beileid (
)
Es spricht nicht für den Verlag, dass man Moers da hat machen lassen.. Vielleicht hat sich der Lektor nicht getraut, einzugreifen – oder was weiss ich …
Die Vorführung im Theater … Stimmt. Guter Hinweis. Ich fand es zwar lustig beim Lesen, aber auch nur weil ich dachte, die Vorstellung würde der Abschluss der eher langweiligen Einleitung sein; danach würde es endlich zur Sache gehen … runter ins Labyrinth … Naja, offenbar nicht.
Gruss Dani
Jo
2. November 2011 von 12:34 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Ohoh, die Rezi liest sich jetzt aber echt nicht gut und das nachdem ich erst letzten Montag mir “Die Stadt der träumenden Bücher” als Taschenbuch geholt habe, um die als Vorlektüre zum neuen Buch zu lesen. Jetzt allerdings…uff!
LG
Jo
Vega
2. November 2011 von 12:44 (UTC 1) Link zu diesem Kommentar
Hi Jo,
Danke für deinen Kommentar!
Auch wenn die Rezi zum zweiten Teil sehr vernichtend ist, was den ersten Teil angeht, hat sich meine Meinung nicht geändert. Teil 1, also “Die Stadt der träumenden Bücher”, ist nach wie vor eines meiner Lieblingsbücher, wenn nicht sogar mein absolutes Lieblingsbuch. DAS musst du unbedingt lesen.
Beim zweiten Teil musst du dich halt einfach auf einen Reisebericht einstellen und nicht wie ich mit falschen Erwartungen ans Buch herangehen.
Nochmals: Den ersten Teil MUSST du lesen!
Gruss Dani