Lust auf eine Reise durchs Europa im 21. Jahrhundert?
Nichts Besonderes, sagst du?
Ich garantiere dir, Julius von Voß‘ Ini wird dich eines besseren belehren.
Der Entwicklungsroman um den jungen Italiener Guido und seine Angebetete Ini ist nämlich nicht erst kürzlich entstanden, sondern vor gut 200 Jahren.
Julius von Voß, ein weitgehend unbekannt gebliebener Zeitgenosse Goethes und Schillers, hatte sich zum Ziel gesetzt, in die damals ferne Zukunft zu blicken und ein futuristisches Europa zu erschaffen. Das Ergebnis lässt sich sehen …
Man blickt dem jungen Guido über die Schulter, wie er von der traumhaft schönen Ini den Auftrag erhält, seine Lebenserfahrung zu mehren und seine Gestalt und seinen Intellekt einem wünschenswerten Menschheitsideal anzugleichen. Ini verlangt nicht wenig von Guido, aber er ist bereit, alles zu tun, um Inis Liebe würdig zu sein. Mit seinem Lehrer und Führer Gelino macht er sich auf den Weg, um in den Provinzen der Republik Europa die verschiedensten Erfahrungen zu sammeln. Von Sizilien führt die Reise zum wiederaufgebauten und seinem antiken Vorbild nachempfunden Athen, wo er Malerei und Bildhauerei schaut, er reist über Schnellstrassen nach Moskau, wo er das Kriegshandwerk lernt, in Petersburg begeht er Winterwälder (-gärten wäre untertrieben), nimmt an Prozessen des europäischen Bundesgerichts in Berlin teil und reist schliesslich mit einer schwimmenden Insel über den Atlantik, um von Philadelphia aus eine Expedition zum Nordpol vorzunehmen. Und stets treibt ihn Inis liebliches Gesicht in seinem Herzen an.
Es war reine Neugierde, die mich dazu bewogen hatte, Ini zu lesen. Seit ich im deutschen Wikipedia-Artikel zu Science-Fiction davon gelesen hatte, war ich auf der Suche nach einer verfügbaren Ausgabe, aber weder in Antiquariaten noch in Bibliotheken wurde ich fündig, nicht einmal das Projekt Gutenberg bot eine digitalisierte Ausgabe an.
Irgendwann stiess ich schliesslich auf den Kleinverlag „Utopica“, der den Roman 2008 neu überarbeitet herausgegeben hatte. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie glücklich ich war. Ein Mail an den Verleger und wenige Tage später hatte ich das Buch im Briefkasten.
Noch hatte ich es aber nicht gelesen und musste immer noch damit rechnen, einen kompletten Fehlkauf getätigt zu haben. Immerhin ist Voß‘ Werk der Nachwelt nicht sonderlich gut erhalten geblieben und Zukunftsvorstellungen vergangener Zeiten wirken heutzutage oftmals lächerlich und völlig widersinnig.
Zu meiner Überraschung erwies sich Ini als weniger lächerlich als ich befürchtet hatte. Im Gegenteil: der Roman ist sogar richtig gut!
OK, gewisse Ideen sind etwas abstrus, wie die von Adlern gezogenen Luftballongondeln, die von Walen gezogenen schwimmenden Inseln, gesattelte Eisbären als Reittiere, oder dann der riesige Regenschirm, der die Stadt Paris vor Regenwetter bewahrt. Aber von einigen abgesehen sind die meisten Ideen wissenschaftlich plausibel und basieren auf dem damaligen Wissensstand. Julius von Voß muss ein beachtliches Allgemeinwissen besessen haben oder zumindest sehr minuziös recherchiert haben. Positivbeispiele zeigen sich an Voß‘ Vorstellung von Europa als geeinter Staat (was an die EU erinnert), der europaweiten Standardsprache (was Esperanto werden sollte) und dem funktionierenden Steuerwesen, sowie der Sozialversicherung und Krankenkasse. Religionen gibt es keine mehr, da diese letzten Endes nur zu Streitigkeiten führten, stattdessen herrscht ein ausgeklügelter Moralkodex vor. Grenzkonflikte gibt es allerdings immer noch und die zwei Weltmächte Asien und Europa jagen sich mit Wettrüsten gegenseitig Angst ein.
Ich möchte nicht alles bereits verraten, nur so viel sei noch gesagt: Julius von Voß war kein Spinner. Er war davon überzeugt, dass seine Ideen früher oder später auf seine erdachte oder eine auf ähnliche Weise in Erfüllung gehen. Er suchte nach Bedürfnissen, Missständen und Unbequemlichkeiten der damaligen Zeit und überlegte sich, wie es in der fernen Zukunft um sie steht.
Fazit
Die in Ini vorgestellten teils abstrusen Ideen verleiten zum Schmunzeln, andere wiederum zeigen Julius von Voß‘ beachtliches Wissen und seine Weitsicht auf und versetzen in Erstaunen. Wer also mal einen etwas anderen Science-Fiction lesen will, liegt mit Ini genau richtig.
Die Sprache und Orthografie im Stil des 19. Jahrhunderts ist am Anfang vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, auch die Liebesgeschichte zwischen Ini und Guido erscheint für unser heutiges Empfinden teilweise etwas schnulzig und sentimental, aber im Grossen und Ganzen gibt es kaum etwas an Ini zu bemängeln.
Besonderen Lob und Dank gehen an den Herausgeber Ulrich Blode und an den Verleger von Utopica, Klaus Geus, für diese wertvolle Neuauflage eines – in meinen Augen – völligen unterschätzten Vorgängers, um nicht zu sagen: Klassikers, der Science-Fiction.
Sprache / Stil: 9/10
Figuren: 9/10
Handlung: 9/10
Schlusswertung: 9/10 Punkte
~ Dani Vega
PS: Wenn jemand das Buch kaufen möchte, bedarf es etwas an Recherchierarbeit. Die Homepage utopica.de scheint vom Netz genommen worden zu sein und bei Amazon ist das Buch meines Wissens nicht erhältlich. Aber mal nach der ISBN googlen oder den Verleger direkt anmailen (mit Verlaub: klaus.geus[at]utopica.de), irgendwie wird es schon klappen!
PPS: Die Rezi ordne ich für die raVenport Science-Fiction Challenge der Station 10 – Pluto (Randerscheinungen) zu.
Ini. Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert
Von Julius von Voß, 1810
Herausgegeben von Ulrich Blode
Bei Utopica, 2008. 177 Seiten (+Anhang und Nachbemerkungen)
ISBN: 978-3-938083-11-6
