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[SFC-Rezi] Wenn das der Führer wüsste – Otto Basil

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Cover „Wenn das der Führer wüsste“

In meiner Vorliebe für politisch unkorrekte, satirische Literatur habe ich mit diesem Buch (Danke für den Supertipp, Susn ;-) ) einen Volltreffer gelandet. Wenn das der Führer wüsste ist schon 1966 veröffentlicht worden und schlug damals ein wie eine Bombe, nicht zuletzt wegen der kontroversen Diskussionen der Kritiker um dieses Buch. Otto Basil, der Autor, war während der NS-Zeit mit einem Schreibverbot belegt worden und rechnet in dem Roman (ursprünglich lautete der Titel Wagenburg Deutschland) gnadenlos bissig mit den Nazis, aber auch den Mitläufern und Profiteuren der Diktatur, ab. Er benutzt dazu ein Szenario, welches in der damaligen Zeit, also den 1960er Jahren, angesiedelt ist, verbindet diese aber mit einem historischen, angsteinflössenden Gedankenexperiment: Wie sähe die Welt, insbesondere Europa, aus, wenn die Nazis den zweiten Weltkrieg gewonnen hätten?
 
Die Handlung
Hauptfigur des sehr dichten Romanes ist Albin Totila Höllriegl, von Beruf Strahlenspürer und aufrechter Parteigenosse. Niemals käme ihm in den Sinn, das System zu hinterfragen. Ganz Europa ist bis zum Ural in deutscher Hand, die Juden sind ausgerottet und grosse Teile der restlichen Welt (Amerika, Afrika) Vasallenstaaten des NS-Regimes. Doch Adolf Hitler ist ein Greis und man munkelt, dass der Führer schwer erkrankt ist. Eine sehr heikle Zeit, denn es gibt durchaus Widerstand gegen das Reich: Ostasien plant unter der Führung der Japaner, welche sich gegen die ehemals verbündeten Nazis gewendet haben, einen grossen Angriffskrieg und in den USA haben sich kommunistische Rebellen in diversen Teilen des Landes zum Befreiungskampf zusammengerottet.
 
Für Höllriegl jedoch steht fest, dass die arische Rasse diese Widerständler ohne Mühe wegfegen wird. Als er aber den Auftrag bekommt, nach Berlin zu reisen, um bei einem hohen Parteitier das Haus auf schädliche Erdstrahlen zu untersuchen, wird sein Leben komplett auf den Kopf gestellt. Ein höllischer Roadtrip quer durch das Reich nimmt seinen Lauf, als Höllriegl erfährt, dass die (wirtschaftliche) Macht des Reiches auf dem willigen Mitwirken eines jüdischen Agenten basiert, der quasi von Anfang an Hitlers geheime rechte Hand im Hintergrund war. Höllriegl kann es nicht fassen, doch es kommt noch schlimmer: Hitler stirbt und sein Nachfolger Ivo Köpfler (Heil Köpfler!) ist Höllriegl nicht geheuer. Es scheint ihm, als hätte Köpfler das Testament des Führers manipuliert, um die Macht zu ergreifen. Deutschland beginnt zu brodeln, und Höllriegl stellt konsterniert fest, dass selbst im eigenen Volk Aufrührer die Instabilität der Partei nutzen wollen, um sie zu stürzen. Das Bittere für den Antihelden ist jedoch, dass ausgerechnet er selbst unwissentlich im Mittelpunkt der Verschwörung steht. Atombomben fallen auf Deutschland, das nackte Chaos bricht aus und für Höllriegl gibt es kein Entkommen, egal, wohin er auch flüchtet…
 
Fazit
Es ist kaum in Worte zu fassen, was dieses Buch bietet! Aufbauend auf dem per se schon ungeheuerlichen Szenario und dem erbärmlichen Antihelden Höllriegl, schafft Basil einen sich immer rasanter verdichtenden Alptraum von atemberaubender Spannung. Anfangs schmunzelt man noch über die frechen, unverhohlenen satirischen Sticheleien gegen das Regime, doch nach und nach bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Gewisse Handlungsstränge sind so schonungslos giftig und schockierend, dabei jedoch so nüchtern erzählt, dass einem das Blut in den Adern gefriert. Ohne Erbarmen greift der Autor mit höchster sprachlicher Raffinesse Helfer und Mitläufer des Systems an, vom einfachen Bürosekretär bis hin zur intellektuellen Elite. Er entlarvt das aberwitzige Gedankengut und die pseudowissenschaftliche NS-Forschung, prangert mit seinen durchgehend negativen Figuren reale Vorbilder an, insbesondere die diversen Denker und Wissenschaftler, welche der NS-Ideologie den gedanklichen Nährboden gaben. Das führt dazu, dass gewisse Passagen anstrengend zu lesen sind, wenn einem diese realen Persönlichkeiten und ihre Gedanken nicht geläufig sind. So hat das Buch einigen intellektuellen Anspruch, wirkt aber nie vergeistigt. So können auch die weniger geisteswissenschaftlich bewanderten Leser die Lektüre ohne Einbussen geniessen!
 
Wenn das der Führer wüsste steht für mich auf einer Stufe mit Dystopie-Klassikern wie Orwells 1984 oder Huxleys Brave New World. Sicherlich hat Otto Basil den Roman nicht als Science-Fiction betrachtet, sondern vielmehr als dytopische Satire, zumal der Begriff Science-Fiction als Literaturgattung damals noch nicht sehr gebräuchlich war. Dennoch enthält der Roman viele wissenschaftliche und technische Zukunftsgedanken (gezielte Züchtung von Menschen mittels Genmanipulation oder operativen Eingriffen, Einsatz von Laserwaffen, Raumkriegsschiffen und dergleichen mehr), die ganz klar ins Genre passen. Ich ordne dieses trotz seines Alters ebenso zeitlose wie erschreckende Werk der Station Uranus (Deutschsprachige Science Fiction) zu.
 
Sprache / Stil: 10/10
Figuren: 9/10
Handlung: 9/10
Schlusswertung: 9/10 Punkte
 
~ LordpronG

Wenn das der Führer wüsste
Von Otto Basil
beim Milena-Verlag 2011 [1966]. 382 Seiten
ISBN: 978-3-852-86197-5

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