Vega @ Bellinzona (© Vega)
Ich tu mich immer schwer damit, über mich selbst zu sprechen oder zu schreiben. Einerseits möchte ich dem Zuhörer/Leser ein Bild von mir vermitteln, das mir entspricht, andererseits möchte ich – vor allem im Internet, wo man nicht weiss, wer mitliest – nicht jeder x-beliebigen Person meine innersten Gefühle und Geheimnisse unter die Nase reiben.
Aber ich bin Realist; irgendwer hatte mal gesagt „der Roman ist das Bekenntnis eines unschuldigen Menschen“. Und es muss nicht einmal ein Roman sein. Durch schreiben und auch durch reden, gibt man oft etwas von sich preis, das man vielleicht nicht hätte preisgeben wollen. Es muss nicht sein, aber es ist immer möglich. Aber vielleicht sind es gerade diese ehrlichen, unschuldigen Elemente, die das richtige Bild vermitteln und dem Zuhörer/Leser den wahren Eindruck vermitteln. Ich versuche deshalb, so ehrlich zu sein wie möglich.
Schon zu meiner Zeit im Gymnasium (wenn nicht sogar schon früher) hatte ich den Traum, Schriftsteller zu werden. Natürlich wusste ich damals noch nicht, was das heisst und was das bedeutet. Ich weiss es heute noch nicht, da ich noch kein veröffentlichter Schriftsteller bin, aber ich habe zumindest schon mehr Erfahrungen gesammelt, wie das tägliche Brot eines Schriftstellers kein Sonntagszopf ist, also weich, luftig und mit viel Butter, sondern oft auch trocken und hart. Oder anders ausgedrückt: Kein Zuckerschlecken.
Viele Möchtegern-Autoren haben das Gefühl, dass Schriftsteller-Sein schön und einfach ist. Man verdient gut, man muss wenig tun und hat ein angenehmes Leben. Es geht in die gleiche Richtung wie die Wunschvorstellung Model, Filmstar, Musiker zu werden. Man hat das Gefühl was die können, kann ich auch, realisiert aber nicht, dass Erfolg nicht einfach vom Himmel fällt (auch wenn ich mir das manchmal selbst einzureden versuche oder versucht habe).
Schriftsteller sein heisst, auch dann zu schreiben (bzw. schreiben zu können), wenn man nicht will, keine Lust hat, oder wegen anderen Dingen unter Zeitdruck steht.
Ich möchte an dieser Stelle nicht die Argumente vom Artikel „der gute Autor“ wiederholen, aber die Idee ist, dass man mit dem Wunsch, oder besser: mit der Entscheidung (veröffentlichter) Schriftsteller zu werden, einen BERUF (!) lernt. Und das ganz nebenher, also ähnlich wie bei Berufstätigen, die sich in Abendschulen auf ihrem Fachgebiet aus- oder weiterbilden möchten.
Dabei muss ich mir immer wieder bewusst machen, dass ich mit grosser Wahrscheinlichkeit davon nicht meine Brötchen verdienen kann. Ich muss einen Zweit- oder Hauptberuf (je nach Perspektive) erlernen, um mir den Freiraum schaffen zu können, als Schriftsteller tätig zu sein.
Zuerst dachte ich, dass ich durch ein Germanistik-Studium zu einem Schriftsteller werde, oder so wenigstens das beste Rüstzeug mit auf den Weg kriege. Heute – mitten im Studium – weiss ich, dass das eine utopische Vorstellung war. Klar, ich arbeite dadurch täglich mit der Sprache und lerne über Professoren und Bücher von den ganz grossen Literaten und Theoretiker der Welt, aber ich lerne nicht, wie ich Schriftsteller werde; das kann mir niemand zeigen, das muss ich ganz für mich alleine herausfinden.
Ich bin nicht unzufrieden mit meinem Studium, im Gegenteil, aber es ist nicht das, was ich mir in meiner Naivität davon vorgestellt habe. Es ist etwas anderes, nämlich eine Alternative.
Durch das Studium hat sich mir eröffnet, was ich mit Literatur und Sprache sonst noch anfangen kann, wenn ich dann mal den MA in Germanistik unter Dach und Fach habe. Beispielsweise in einem Verlag zu arbeiten. Wenn nicht als Autor, dann vielleicht als Lektor oder in einer anderen Position.
Meine nächste Faszination, neben der Sprache, ist der Mensch und wie er mit seiner Umwelt, seinem Umfeld, seinen Mitmenschen umgeht, kommuniziert oder im Allgemeinen interagiert. Zuerst dachte ich, dass ich dieses Interesse am besten im Fach Medienwissenschaft anlegen kann und habe deshalb mit Germanistik und Medienwissenschaft als gleichwertige Studienfächer begonnen. Leider ist Medienwissenschaft (jetzt höflich ausgedrückt) ein Hybrid aus allen möglichen Geisteswissenschaften. Ich sah das zuerst als Vorteil, habe dann aber eingesehen, dass es damit auch (noch) nichts Richtiges ist. Es ist ein wenig Philosophie, Geschichte, Soziologie, Psychologie, Ökonomie etc.
Hinzu kommt, dass ich die allgemeine Auffassung (oder wenigstens die eines bestimmten Professors) nicht ausstehen konnte, dass man als Wissenschaftler etwas Besseres ist als die Menschen, die man untersucht. Ich habe mich einfach gefragt, wieso er dann genau das bzw. die untersucht, wenn er es/sie nicht mag oder sogar nicht ausstehen kann. Im Sinne von: „Fernsehen ist der Untergang unserer Kultur“. Aber trotzdem widmet man sein Leben der Fernseh-Forschung. Irgendwie heuchlerisch …
Auf jeden Fall habe ich es dann aufgegeben mit Medienwissenschaft und bin auf Kulturanthropologie umgestiegen. Kulturanthropologie, auch: Europäische Ethnologie, Sozialanthropologie, (oder allgemeiner) Kulturwissenschaften, oder ehemals Volkskunde, befasst sich mit dem Mensch im Zusammenhang mit seiner Kultur bzw. eben mit dem, was ich oben als „meine“ Faszination ausgegeben habe.
Ich will darauf hinaus, dass ich in Kulturanthropologie einen Glückstreffer gelandet habe. Mir geschieht es sehr oft, dass ich mich für etwas entscheide und erst im Nachhinein herausfinde, weshalb ich mich dafür entschieden habe. So war es auch bei Kulturanthropologie. Ich fand die Informationen zu dem Fach spannend und interessant und habe erst allmählich zu begreifen begonnen, dass das Fach mehr oder weniger passend auf mich zugeschnitten ist.
Der Schwerpunkt liegt auf so genannter „qualitativer Forschung“, d.h. man untersucht eine sehr kleine Gruppe Menschen, oder sogar nur einzelne Individuen und generalisiert oder abstrahiert nicht auf Menschenmassen, wie es in der quantitativen Forschung (die Soziologie als ihr Inbegriff) der Fall ist.
Mich interessiert nicht, was man tut, sondern was jemand tut, und was dabei in ihm oder ihr vorgeht. Ich will echte Menschen besser verstehen, statt sie nur als Probanden, als Zahlen und Nummern zu verstehen und will mich nicht hinter Statistiken, Graphen, Formeln verstecken müssen. Ich will mitfühlen, mitleiden, neue Perspektiven / Beweggründe / Ansichten / Haltungen kennenlernen und begreifen.
Ich bin davon überzeugt, dass mir das in Kulturanthropologie durch eine wissenschaftliche Herangehensweise ermöglicht wird.
Und nebenbei kann ich meine gesammelten und angereicherten Erfahrungen in meinen Texten verarbeiten. Das ist dann ein Bonus.
Ich habe jetzt zwar nur erzählt, was ich tue und tun möchte, aber ich glaube (und da bin ich nicht der einzige), dass mich dies besser darstellt, als wenn ich meine Herkunft, meine Vergangenheit, meine biologischen Begebenheiten präsentiert hätte.
Stuart Hall, der Begründer der Cultural Studies, spricht bspw. davon, dass die Erzeugung von Identität von den roots, den Wurzeln, abkommt und die routes, die Wege, für die Gesellschaft immer wichtiger werden.
~ Dani Vega
erstellt im September 2009,
aktualisiert im Mai 2011.
